Mark Schäfer

Mark Schäfer

Bankbetriebswirt und European Business Coach

6 Gründe, warum die Party bei Aktien bald vorbei ist

Eine mittlerweile fast 12-jährige Phase steigender Aktienmärkte neigt sich dem Ende zu. Eine Phase, in der sich manchmal sehr schnell und manchmal mit etwas Geduld viel Geld machen ließ. Trotz aller Rückschläge wie der europäischen Schuldenkrise, des Brexits und der Trump-Wahl zeigten sich die Märkte aufgrund immer steigender Summen, die die Notenbanken in den Markt pumpten, mittelfristig robust – aber in diesem Jahr 2021 wird sich das deutlich ändern. Die Gründe, warum der Bullenmarkt an der Börse vermutlich in diesem Jahr endet, habe ich Dir in diesem Artikel zusammengefasst:

Aktien mit einem Vielfachen ihrer Gewinne und Umsätze bewertet

Um herauszufinden, ob eine Aktie (oder ein ganzer Aktienmarkt) eher günstig oder eher teuer bewertet ist, setze ich gerne den aktuellen Börsenwert des Unternehmens (Anzahl der ausgegebenen Aktien x aktueller Kurs) in das Verhältnis zu den erzielten Gewinnen oder den Umsätzen. In beiden Größenordnungen sind wir bei zahlreichen Branchen (Technologie, Wasserstoff, E-Autos,…) auf absoluten Rekordständen angelangt. Über die Zeit passen sich diese Gewinnbewertungen aber wieder an ihren langfristigen Durchschnitt an. Und das passiert in der Regel dadurch, dass sich die Kurse wieder auf ein Niveau einpendeln, auf dem Umsatz/Gewinn wieder in einem vernünftigen Verhältnis zum Börsenwert stehen. Insbesondere bei den fünf größten Technologiewerten, die allesamt zu dem Pandemiegewinnern gehörten, wird sich dieser Effekt auch auf den Gesamtmarkt auswirken, weil die zu handelnden Volumina dieser Riesenwerte wie Amazon.com, Alphabet und Apple – um nur mal drei zu nennen – große Verschiebungen am Aktienmarkt auslösen können.

Wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie bereits eingepreist

(Aktien-)Märkte sind in der Regel schlau und vorausschauend: Nicht das, was heute geschieht (Impf-Chaos, steigende Corona-Fallzahlen in einigen Ländern, Lockdown-Verlängerungen, usw…) spiegelt sich in den Kursen wider, sondern stets die erwartete Entwicklung in ca. sechs Monaten. Der Aktienmarkt läuft der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation also in der Regel sechs Monate voraus. Ist ja auch klar: Das „Heute“ kennen alle Marktteilnehmer schon, mit dem „Morgen“ lässt sich dann aber Geld verdienen, weil das für viele noch mit Unsicherheit belegt ist. Und genau hier hat die Börse sehr viel vorweggenommen: Als klar war, dass es wirksame COVID-Impfstoffe geben wird, waren die Aktienmärkte nicht mehr zu halten und preisten bereits die Zeit „nach Corona“ ein, nahmen also die anstehende wirtschaftliche Erholung sofort vorweg. Dass das alles jetzt doch etwas länger zu dauern scheint, als zunächst angenommen, ist so noch nicht in den Kursen berücksichtigt. Und vor allem: warum sollten die Märkte noch weiter steigen, wenn die wirtschaftliche Erholung doch schon vollends berücksichtigt wurde. Hier werden potenzielle Aktionäre sehr genau beobachten, ob da doch noch mehr möglich ist, als das, was man momentan für möglich hält.

Steigende Inflationserwartung = steigende Zinsen

Aktienmärkte steigen immer dann unaufhaltsam, solange es keine Anlagealternativen gibt. Vielleicht gehörst Du ja zu der Generation, die nie Zinsen auf ihr Erspartes (auf dem Sparbuch) bekommen hat, die also die Wirkung von Zinsen und Zinseszinseffekt nie gespürt hat. Diese Alternativlosigkeit hält mittlerweile schon fast zehn Jahre an, seitdem Zinsen nahezu abgeschafft wurden. Aktienmärkte kippen immer dann, wenn es wieder sinnvollere Alternativen gibt. Mancher Großanleger schaut beispielsweise darauf, wie hoch die Dividendenrendite (Wieviel Prozent meines Kaufkurses macht die regelmäßige Gewinnausschüttung aus?) bei den gewünschten Aktien aktuell ist. Liegt diese bei 2,5 Prozent und die 10-jährige Anleihe (festverzinsliches Wertpapier) bringt nur 0,5 Prozent, wird die Wahl in der Regel auf die Aktie fallen, da die höhere Rendite das höhere Risiko überkompensiert. Nähert sich die Anleiherendite aus irgendeinem Grund aber der Dividendenrendite an, könnte der Anleger anders entscheiden und eher zur Anleihe greifen, weil damit oft ein erhöhtes Maß an Sicherheit verbunden ist.

Aber sind denn steigende Zinsen zu erwarten? Die Antwort lautet mittlerweile: JA! Wir reden allerdings nicht von den sechs Prozent, die ich mal in den 80er-Jahren auf mein Sparbuch bekommen habe. Jedoch selbst, wenn es wieder halbwegs sichere Anleihen gibt, die bei 1,5-3 Prozent Verzinsung liegen, gibt es auf einmal wieder eine Alternative zum Aktienmarkt. Diese Renditen bei festverzinslichen Wertpapieren werden allerdings erst steigen, wenn eine höhere Inflation (also eine schnellere Geldentwertung) zu erwarten ist. Da das angelegte Geld bei steigenden Preisen an Kaufkraft verliert, erwarten Anleger hier höherer Verzinsungen. Der Markt passt sich in einem solchen Szenario steigender Inflationsraten stets mit steigenden Renditen am Anleihemarkt an. Auslöser für diese höheren Inflationsraten könnte die Zeit „nach Corona“ sein: viele Menschen dürstet es nach Urlaub, viele Menschen haben teure Anschaffungen zurückgestellt, sprich: viele Menschen haben sich zurückgehalten, Geld auszugeben, weil sie einfach auch nicht in Stimmung dafür waren. Und jetzt kommt der berühmte „Ketchupflaschen-Effekt“ zum Tragen: Kennst Du das? Aus der Flasche kommt nix raus, Du drehst sie um, haust ordentlich drauf und dann: Platsch, ist der ganze Teller voll. Darauf warten Experten seit vielen Jahren auch bei der Inflation. Die „Ketchupflasche“ füllte sich in den letzten Jahren immer weiter, weil immer mehr Geld von den Notenbanken in die Märkte gepumpt wurde – eine Grundvoraussetzung, damit Inflation überhaupt entstehen kann. Was die ganze Zeit fehlte: Jemand, der auf die Flasche draufhaut. Das macht Corona jetzt mit den enormen Nachholeffekten, die anstehen, wenn bei uns allen die Stimmung wieder besser ist und wir wieder richtig Lust auf Konsum haben. Wir kaufen, was das Zeug hält und das wird zu höheren Preisen führen, weil mehr Nachfrage einem teilweise noch sehr begrenzten oder zumindest gleichbleibendem Angebot gegenübersteht. Es kann also passieren, dass wir sehr schnell steigende Inflationsraten bekommen (keine Angst: noch lange keine Hyperinflation oder sowas, was in manchen Medien herumgeistert). Aber allein der erwartete Anstieg wird zu steigenden Verzinsungen bei Anleihen führen und Du merkst, hier endet die Kette: Diese steigenden Renditen führen dann zu einer Alternative zum Aktienmarkt, die früher oder später zu fallenden Kursen bei Aktien führen wird. Je nachdem, wie schnell die Inflation(serwartung) steigt, umso schneller werden auch die Aktienmärkte „abknicken“.

Party-Ende-Aktienmarkt-2021-Inflation

Zweitrundeneffekte der Pandemie nicht berücksichtigt

Wo wir schon beim Thema „Pandemie“ sind: Wissen wir (bzw. die Aktienmärkte) schon, welche sogenannten Zweitrundeneffekte durch die Pandemie entstehen? Kennen wir schon die tatsächliche Anzahl der Insolvenzen, die erste nach Pandemie-Ende sichtbar werden? Nein, wir kennen sie nicht und irgendwie hat auch gerade keiner Zeit, Lust oder brauchbare Daten, um darüber nachzudenken. Und da ein angemessener Vergleich fehlt, haben wir keine Ahnung davon, was uns da bevorsteht. So wie das Zusammenbrechen der Hauspreise in den USA im Jahr 2007 am Ende zu einer Weltwirtschaftskrise im Jahr 2009 führte, können wir nicht mal im Ansatz die Folgen absehen, die uns die Pandemie beschert. Auf die Regierungen sollten wir uns hier auch nicht verlassen, da diese ja eher damit beschäftigt sind, auf Sicht zu fahren und irgendwie diesen ganzen Mist hinter sich zu bringen.

Eskapaden bei GameStop und Co.

In den letzten Wochen zeigte sich ein Phänomen, was bislang einmalig in der Geschichte der Börse ist: Kleinanleger sprechen sich in Internetforen ab, bestimmte Aktien wie GameStop oder AMC nach oben zu treiben, um Hedgefonds Verluste zu bescheren, die auf fallende Kurse setzen. Fakt ist: in den letzten Jahren sind begünstigt durch besseren Informationsfluss (Internetforen, Facebookgruppen, usw,…) und einfachem und günstigen Zugang zum Aktienmarkt durch Apps wie Robinhood oder Brokern wie Trade Republic Millionen von Kleinanleger auf diese attraktive Anlageklasse aufmerksam geworden. Das geschieht ausnahmslos immer dann, wenn sich Aktienmärkte in der letzten Phase ihres Anstiegs finden (vgl. „Dienstmädchenhausse“ in den 1920er Jahren, Internetblase Anfang 2000), da dann die mediale Aufmerksamkeit am größten ist. Oft BEGINNT mit dem Eintritt der Kleinanleger die letzte Phase des Börsenanstiegs und kann durchaus noch einige Jahre andauern. Die aktuelle Dienstmädchenhausse hat aber eine neue Qualität: Früher war es mehr zufällig, dass durch Mundpropaganda (was anderes gab es ja gerade auch in den 1920er-Jahren gar nicht) genau die eine oder die andere Aktie nach oben „gepusht“ wurde. Durch die neuen Möglichkeiten, wie beispielsweise die viel diskutierten „reddit“-Foren, kann das viel konzentrierter erfolgen und damit dem ganzen Spuk ein viel schnelleres (vielleicht auch viel spektakuläreres) Ende bereiten. Wir werden sehen, wohin das noch in den kommenden Wochen führen wird.

Privates Umfeld giert nach Aktien und Kryptowährungen

Kommen wir zuletzt noch zu dem Punkt, der mir am meisten Sorgen bereitet. Mein privates Umfeld weiß natürlich, dass ich seit über 25 Jahren am Aktienmarkt aktiv bin und durch die Verwaltung meiner eigenen Gelder und meinem Onlinekurs mittlerweile finanziell unabhängig bin. Das hat aber keinen bislang groß interessiert. Erst in den letzten Monaten bekomme ich unzählige Anfragen wie: „Mark, soll ich Bitcoin kaufen?“, „Mark, was hältst Du von Tesla-Aktien?“ oder „Mark: Welche Wassersoff-Aktien hast Du denn?“. Alles von Menschen -teils sehr guten Freunden- von denen ich weiß, dass für sie niemals etwas anderes als ein Tagesgeld bei der ING in Frage kam und sie sich lieber die Mühe gemacht haben, alle sechs Monate das Tagesgeld von Bank zu Bank zu schieben, um 0,2 Prozent mehr Zinsen zu erbeuten. Ich biete hier natürlich Unterstützung an und die Meisten packen danach auch nur kleine Teile ihres gesamten Geldes in die mittlerweile heiß gelaufenen Märkte (sagen sie zumindest). Aber irgendwie bleibt auch hier das Gefühl, dass sich die breite Masse mit einem ungeheuren Tempo in Bewegung gesetzt hat, um sich sehenden Auges von der Klippe zu stürzen.

Party-Ende-Aktienmarkt-2021-Privates-Umfeld

Fazit

Natürlich kann jeder mit seinem Geld machen, was er will. Aber es gibt einfach „eher gute“ und „eher nicht so gute“ Zeitpunkte, um am Aktienmarkt zu investieren. Momentan spricht sehr viel dafür, dass es sich um einen „eher nicht so guten“ Zeitpunkt handelt, sein Geld voll in die Aktienmärkte zu pumpen. Anders sieht das natürlich aus, wenn nur kleine Beträge des Gesamtvermögens investiert werden. Weiterhin zu empfehlen ist zudem  uneingeschränkt das Anlegen oder Weiterlaufenlassen von Sparpläne auf idealerweise breit gestreute Aktienfonds bzw. ETFs. Irgendwo habe ich gerade gelesen: „man muss nicht immer investiert sein“. Nach fast 12 Jahren enorm hoher Aktienquoten habe ich mich bis auf wenige Ausnahmen aus dem Aktienmarkt zurückgezogen und übe mich nun in Geduld, auch wenn mir jetzt nochmal viele Chancen dieser Spätphase des Aktienmarktes entgehen werden. Aber ich bin mir dennoch sicher, dass ich diese Entscheidung nicht bereuen werde.

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